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2. Juli 2019

Wahrhaft majestätisch

Königskerzen


Der Spalt zwischen Teerbelag und Pflastersteinen ist von blossem Auge kaum zu sehen. Für die Königskerze ist er breit genug. Schon letztes Jahr zwängte sie sich durch und breitete ein paar Blätter über den Asphalt aus. Meine Wassergaben schienen umsonst, die Blätter verdorrten bald. Doch diesen Frühling meldete sich die Pflanze zurück. Zuerst kamen wieder ein paar Blätter, viel kräftiger als im Vorjahr. Und jetzt wiegen sich zwei Stängel mit den leuchtend gelben Blüten im Wind. Zur Freude der Anwohner und vieler Insekten.

Königskerzen gehören zur Familie der Braunwurzgewächse und sind in Eurasien, aber auch im Mittelmeerraum, zuhause. Etwa 300 Arten sind bekannt. Sie lieben sonnige, trockene Standorte. Ihre haarig-wolligen Blätter, deretwegen sie auch Wollblumen genannt werden, schützen sie vor dem Austrocknen. Die Blätter am Stängel werden nach oben hin kleiner und sind so angeordnet, dass sie Niederschlag in die Wurzel abfliessen lassen.

In der Regel blühen Königskerzen nur einmal, von Mai bis August. Mit der Samenreife sterben sie ab, säen sich aber selbst aus. Die Samen keimen schnell und bilden noch im selben Jahr eine Blattrosette. Im nächsten Jahr, manchmal auch erst im übernächsten, kommen sie zum Blühen. Verbascum, so der wissenschaftliche Name, macht es wie die Akelei. Sie sucht sich ihren Standort selber aus und kann dabei durch den ganzen Garten wandern. Stimmen die Standortbedingungen, kann sie aber auch sehr langlebig sein und mehrere Jahre hintereinander blühen.

Die Blüten der Königskerze sind ein bekanntes Heilmittel. Ihre Inhaltsstoffe wirken schleimlösend und auswurfsfördernd, sie helfen bei Husten, Bronchitis und Asthma. Sie unterstützen die Wundheilung und lindern Juckreiz.

Nicht jede Königskerze wird zwei oder gar drei Meter hoch. Eine majestätische Erscheinung ist aber jede, auch im Winter. Eine Hoheit, die ihr Reich mit anderen teilt. Sie gewährt Bienen und Schmetterlingen Besuchsrecht, Käfern, Ameisen und Spinnen auch Unterkunft.

Einst sollen Königskerzen als Wetterfee gedient haben. Es ist ganz einfach: Zeigen die Blütenspitzen nach Osten, wird es schön. Richten sie sich nach Westen, wird es schlecht. Viele Blüten an Maria Himmelfahrt, also am 15. August, künden von viel Schnee, wenig Blüten von wenig Schnee. Und auch der Zeitpunkt des Schneiens lässt sich ablesen. Sitzen die Blüten im unteren Teil des Stängels, kommt der Schnee im Spätherbst, der mittlere Teil markiert die Wintersonnenwende, ganz oben ist Ostern.

Wir werden sehen, was die Königskerze prophezeit. Und ob ihre Voraussagen stimmen. Wenn nicht, versuchen wir es nächstes Jahr nochmals. Denn auch eine Majestät kann sich mal irren.

Wildblumen Königskerze Mario Knecht Gartengestaltung
23. Mai 2019

Insekten

Es gibt keine Maikäfer mehr

So hiess das Käferrequiem, das der damals bekannte Berliner Liedermacher Reinhard May vor 45 Jahren veröffentlichte. Nur von seiner Gitarre begleitet, besingt er, wie er als Kind mit einem Schuhkarton auf Maikäferjagd ging und wie erfolgreich er war. Dann mussten in seinem ‚Jagdrevier‘ die Einfamilienhäuser einem Parkhaus weichen, und weg waren die brummenden Käfer. Wir Kinder im oberen Baselbiet wussten es besser: Schuld am Verschwinden war nicht das Parkhaus, sondern die Helikopter, die in Maikäfer-Flugjahren regelmässig DDT vom Himmel sprühten. Maikäfer-Schwärme frassen nämlich Laubbäume kahl, und obwohl diese von neuem austrieben, kannte der Mensch keine Gnade. Denn die Larven, die Engerlinge, fressen Pflanzenwurzeln und sorgen damit für das Absterben von Pflanzen und Bäumen. Und das wollte der Mensch auf keinen Fall zulassen.

DDT ist mittlerweile verboten, doch setzt der Mensch mit anderen Giften, seiner intensiven Landnutzung und der Lichtverschmutzung seine Umwelt weiterhin massiv unter Druck. Die Insekten, und dazu gehören auch die Käfer, sind davon besonders betroffen. Das Bundesamt für Umwelt hat 2016 die ‚Rote Liste für Prachtkäfer, Bockkäfer, Rosenkäfer und Schröter‘ der Schweiz herausgegeben. 293 holzbewohnende Käferarten wurden darin berücksichtigt, mehr als die Hälfte gilt als mehr oder minder gefährdet. Nur gerade 91 sind nicht gefährdet, und für 37 Arten gab es zu wenig Datenmaterial.

Nun hat Pro Natura den Grossen Leuchtkäfer, besser als Glühwürmchen bekannt, zum ‚Tier des Jahres‘ gekürt. Der Grosse Leuchtkäfer, selbst nicht gefährdet, dient in dieser Kampagne als Symbol für den Erhalt naturnaher Landschaften und gegen das Verschwinden der Insekten. Zum Kampagnenstart lädt die Organisation nach Zürich. Mit dabei sein wird der Kabarettist Franz Hohler. Er wird unter anderem die ‚Ballade vom Weltuntergang‘ vortragen, der, so sagt er, mit dem Tod eines Käfers auf einer südpazifischen Insel beginnt. Die Ballade, ebenfalls vor 45 Jahren geschrieben, ist aktueller denn je.

Käfer sind die grösste Gruppe innerhalb der Insekten. Gemäss Wikipedia werden weltweit über 350‘000 in 179 Familien beschrieben, und wir kennen noch längst nicht alle. Käfer fressen Schnecken, Würmer und andere Insekten, aber auch Aas. Ohne sie würden Weiden im Mist versinken, vielen Vögeln, Igeln, Nagern und Amphibien eine Nahrungsquelle fehlen. Käfer sind ein notwendiges Rädchen im System Erde, unserer Lebensgrundlage. Unternehmen wir deshalb alles, damit Käfer überleben können! Auf dass sich auch unsere Kindeskinder am Leuchten des Glühwürmchen freuen können. Und die Ballade vom Weltuntergang eine Ballade bleibt.

Kaefer Maikaefer
Gluehwuermchen Leuchten Wald
Kaefer Maikaefer1
28. Februar 2019

Efeu

Immergrünes Paradies

Vom Zwetschenbaum ist nicht mehr viel zu sehen. Efeu hat sein grünes Kleid über ihn geworfen. Dem Menschen bringt der Baum nun kaum mehr Früchte, für die die Natur aber ist er ein Paradies. Er bietet Vögeln Wohn- und Nistplätze, aber auch Schutz vor Wind und Wetter. Insekten ist er mit seiner späten Blütezeit eine hochwillkommene, weil eine der letzten Nahrungsquellen des Jahres. Seine dunklen Früchte schliesslich helfen den Vögeln durch den Winter.

Auch für den Menschen hat der Efeu Gutes zu bieten. Mit seinen immergrünen Blättern ist er ein ausgezeichneter Sichtschutz, der Betonmauern, Gabionen, Zäune und Mauern von nützlichen und notwendigen in naturnahe Elemente verwandelt. Mit Geissblatt und Wildrosen zaubert man Farbtupfer auf die grüne Wand - und zusätzliches Futter für Insekten- und Vögel.

Bei uns am häufigsten verbreitet ist Hedera helix, der Gemeine oder Gewöhnliche Efeu. Gemäss Wikipedia stammt er aus den Tropenwäldern des Tertiärs, das vor etwa 2,6 Millionen Jahren endete. Er ist in Mittel-, West- und Südeuropa heimisch und fand den Weg auf andere Kontinente erst durch die Kolonisation. Efeu kann 400 bis 500 Jahre alt werden, manchmal bis 1000. Mit etwa zehn Jahren erreicht er die Altersform, ab der er bei genügend Licht sein Wachstum auf die Bildung von Blüten und Beeren verlegt. Der Haupttrieb des Lianengewächses kann mit seinen Haftwurzeln mehr als 20 Meter hoch klettern, wobei er weder Mauern noch Bäume schädigt. Efeu eignet sich deshalb auch als Sonnenschutz für Bäume.

Wegen seiner Eigenschaft des Rankens und Umschlingens wird Efeu gerne mit Liebe und Freundschaft in Verbindung gebracht. Die alten Ägypter und Griechen verehrten die Pflanze als Symbol der Unvergänglichkeit, Jugend und Kraft. Die ersten Christen betteten ihre Toten auf den immergrünen Efeu, auf dass deren Seelen ewig lebten. Efeu gilt zudem als eine der ältesten Heilpflanzen. Da er für Menschen grundsätzlich giftig ist, werden nur die getrockneten Blätter von nicht blühenden Pflanzen verwendet, die als schleim- und krampflösend und als herzstärkend gelten.

Efeu ist anspruchslos und pflegeleicht. Er gedeiht in der Sonne und im Schatten. Heisse Sommer und kalte Winter können ihm nichts anhaben, auch lange Trocken- und Regenperioden nicht. Bei Bedarf schneidet man ihn im Frühling etwas zurück. Mehr Arbeit gibt er nicht.

Seit Jahrmillionen bewährt, anspruchslos, gut für Mensch und Tier, gerüstet für die zunehmend extremen Wetterverhältnisse – perfekter als Efeu kann eine Pflanze kaum sein.

Efeuwand Begrünt
Efeu Fruechte
Mkg 1401
Sichtschutzelemente Efeu
5. Dezember 2018

Äpfel

Unser täglich Obst

Der letzte Winter war schrecklich: Kein einziger Apfel lagerte im Keller. Gut 30 Hochstämmer zählen wir in unserem Baumgarten. Doch der Frost hatte den Blüten kaum eine Chance gelassen. Von den paar Früchten, die überlebten, holten sich die Vögel die meisten. Unseren Ertrag konnten wir an den Fingern abzählen.

Ein Winter ohne eigene Äpfel - unvorstellbar. Aufgewachsen auf einem Bauernhof und zu einer Zeit, in der sich die Regale der Lebensmittelhändler noch nicht unter dem Angebot aus der ganzen Welt bogen, assen wir, was der Hof hergab. Von Herbst bis spätem Frühling waren das vorwiegend Äpfel. Von Eintönigkeit konnte jedoch nicht die Rede sein, gab es doch viele verschiedene Sorten, die ganz verschieden schmeckten. Sie kamen meist roh, auf Wähen und in Kuchen, oder – unser aller Festessen – als ‚Öpfelchüechli‘ auf den Tisch. Heute lasse ich mich auch von Orangen oder Datteln verführen, Äpfel aber gehören nachwievor jeden Tag zum Menu.

Äpfel sind der Schweiz‘ liebste Frucht. 16 kg hat gemäss swissfruit, dem Schweizer Obstverband, jeder Einwohner und jede Einwohnerin im Jahr 2016 gegessen. Doch der Konsum ist seit Jahren rückläufig. Das mag – neben der Konkurrenz aus aller Welt - vielleicht auch an der schwindenden Vielfalt liegen. Gerade mal drei bis fünf Sorten finden sich im Supermarkt, die alle ähnlich schmecken. Dabei gäbe es allein in der Schweiz um 1000 Sorten, weltweit sind es gar mehr als 20‘000. Pro Specie Rara, die sich dem Bewahren der genetischen Vielfalt verschrieben hat, zählt über 900 Sorten, die es bei uns zu erhalten gilt. Denn die genetische Breite entscheide eines Tages über Sein oder Nichtsein der Lebensmittel, sagte die Leiterin Pflanzen von Pro Specie Rara gegenüber einer Zeitung. Und freute sich, dass es immer mehr Menschen gibt, die Wert auf Vielfalt legen. Doch wird es wohl noch eine Weile dauern, bis diese Vielfalt in den Supermarkt kommt.

Noch ist Gala bei uns der beliebteste Apfel. Ebenfalls hoch im Kurs stehen Golden Delicious und Braeburn. Gegen 150‘000 Tonnen Äpfel werden gemäss swissfruit in der Schweiz produziert. Die meisten kommen von Plantagen, die maschinell und ohne Leitern zu bearbeiten sind. Entsprechend viel Land wird für den Anbau gebraucht: 5441 Fussballfelder sind es zurzeit.

Äpfel sind gesund, sagt man in der deutschen Sprache. ‘Une pomme par jour, santé pour toujours’, sagt die Kollegin aus dem Elsass. Und die Amerikaner sparen sich mit ‘An apple a day keeps the doctor away’ gar den Arzt. Äpfel sind in der Tat gesund: Sie enthalten viele Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Ballaststoffe wie Rohfaser, Zellulose oder Pektine binden Schadstoffe und fördern die Verdauung. Äpfel geben Energie und sind die ideale Zwischenmahlzeit. Für Gross und Klein.

Dieses Jahr hat es Petrus gut mit uns gemeint. Die Ernte ist reichlich ausgefallen, der Winter kann uns nichts anhaben. Der Winter ohne Äpfel, er bleibt hoffentlich die Ausnahme.

Apfelast
Apfelkuchen