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9. Januar 2020

Biokohle

Schwarzes Wunder

Es sind schon ein paar Jahre her, seit ich das erste Mal von Biokohle hörte. Es war an einer Generalversammlung eines Biowein-Händlers, der Hans-Peter Schmidt als Gastreferenten eingeladen hatte. Der Mann experimentierte damals in seinem Weinberg im Wallis mit der aus Pflanzenteilen hergestellten Kohle und war von den Resultaten derart beeindruckt, dass er während seines Vortrages vor Enthusiasmus fast überbordete. Biokohle verbessere die Ertragskraft des Bodens ums Mehrfache, mache Dünger und Pestizide überflüssig, ohne Risiken und Nebenwirkungen, so schwärmte er damals. Ein menschgemachter Hilfsstoff, der nur Vorteile hat – das schien mir damals etwas gar suspekt.

Doch Biokohle hat ihren Weg gemacht. Richtig bekannt wurde sie als Hauptbestandteil der Terra Preta, der schwarzen Erde, die für die ausserordentliche Fruchtbarkeit des Amazonasbeckens sorgt. Forscher sind sich einig, dass Indianer diese Erde geschaffen haben: Sie liessen Holzkohle und organische Abfälle, aber auch Knochen verkohlen und fügten anschliessend ihre fermentierten Fäkalien bei. Das war vor rund tausend Jahren, und noch immer ist diese Erde viel fruchtbarer als andere. Dass Pflanzenkohle auch in gemässigten Klimazonen wirkt, zeigen laufende Projekte. Langzeitbeweise allerdings fehlen noch.

Biokohle ist ein wahrer Vielkönner: Sie speichert Wasser und ist Heimat für unzählige Mikroorganismen. So fördert sie das Bodenleben und die Bodenaktivität und damit den Humusaufbau. Sie macht Nährstoffe besser für die Pflanzen verfügbar, erhöht deren Widerstandskraft und führt so zu höheren Erträgen. Pflanzenkohle kann Schadstoffe binden und Böden dekontaminieren. Sie verbessert die Tiergesundheit und macht Gülle umweltverträglicher. Nicht zuletzt speichert Pflanzenkohle mehr CO2, als sie abgibt, eine höchst willkommene Eigenschaft im Kampf gegen die Klimaerwärmung.

Mittlerweile ist Pflanzenkohle im Handel erhältlich, auch als Terra-Preta-Gemisch. Noch ist sie recht teuer, denn die Kosten für eine umweltverträgliche Produktion sind hoch. Ebenfalls erhältlich sind Öfen für all jene, die die eigenen Gartenabfälle verwerten wollen. In Bibliotheken, Buchläden und im Internet finden sich zahlreiche Publikationen über Herstellung und Verwendung. Biokohle, so scheint es, ist das A und O für eine bessere Welt, das Wunderheilmittel für unsere leidende Umwelt.

Nun, umweltverträglichere Gülle verbessert das Tierwohl in den Massentierställen nicht. Biokohle allein kann die Klimaerwärmung nicht aufhalten. Doch spricht vieles dafür, dass Pflanzenkohle einen Beitrag für ein verträglicheres Leben von Mensch, Tier und Umwelt leisten kann. Wenn das kein Grund ist, sie im eigenen Garten einzusetzen!

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Ro Pro Streu Pflanzenkohle
22. November 2019

Herbst - Mut zur Unordnung

Der Sommer ist vorbei. Vorbei sind die lichten Tage und die lauen Nächte. Fort sind die Schwalben, die uns Tag für Tag mit ihren Flugkünsten und ihrem fröhlichen Gezwitscher unterhalten haben. Verstummt die Grillen, deren Zirpen an die Ferien in der Provence erinnerte. Verschwunden der Igel, der abends laut schmatzend das Katzenfutter verschlang, das der Mensch ihm bereitgestellt hatte, weil der Igel noch so klein war.

Der Sommer ist vorbei. Nebelverhangen ist nun der Himmel, kühl sind die Temperaturen, kurz die Tage: Der Herbst ist da. Er hat aus dem blühenden, lebendigen Garten ein verblühter, verwelkter gemacht. Doch noch immer gibt es einiges zu sehen. Bunte Blätter tanzen im Wind. Knallrot leuchten die Hagebutten. Da und dort blüht noch eine Rose, stecken Ringelblumen und Borretsch ihre Köpfe in die Luft. Ihre Farben strahlen besonders intensiv bei diesem Licht. Die Spatzen gehen ihrem gewohnten Treiben nach. Meisen, Buchfinken und Rotkehlchen kommen auf der Suche nach Futter im Garten vorbei. Sie finden es in der Wildhecke, aber auch im Verblühten und Verwelkten. Und während der Mensch die letzten Tomaten und Zucchetti erntet und Rüebli und Randen ins Trockene bringt, schlüpfen Igel und Insekten in ihr Winterquartier, unters Laub, in den Stein- oder Asthaufen, ins Verblühte und Verwelkte.

Das Verblühte und Verwelkte, das des Menschen Auge so stört und ihn zum ‚Aufräumen‘ veranlasst, es ist die Wiege für neues Leben, für Schmetterlinge, Käfer, Insekten, Spinnen – kurz für alles, was nächstes Jahr fliegen und kriechen soll. Das Verblühte und Verwelkte stehen lassen, das kostet uns Menschen viel Mühe. Mühe, die sich lohnt.

Denn wenn eine Kohlmeise kopfüber Kernen aus der Sonnenblume pickt oder Frost und Schnee aus dem Verblühten einzigartige Kunstwerke schaffen, dann wird mir wieder einmal bewusst: Die Natur hält Wunder und Schönheit zu jeder Jahreszeit bereit. Wir Menschen müssen sie einfach zulassen.

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18. September 2019

Spinnen

Leben im seidenen Netz

Das Spinnennetz schimmert feucht in der Morgensonne. Wie von einer Maschine gewoben, hängt es zwischen zwei Kohlköpfen. Ein Meisterwerk, wie es nur die Natur hervorbringen kann. Die schwarz-gelb gestreifte Spinne sitzt mittendrin. Sie sieht aus wie eine Wespe und heisst auch so. Einst nur im Mittelmeerraum zuhause, wagt sich die Wespenspinne im sich erwärmenden Klima nun nach Norden vor.

Viel häufiger finden sich bei uns aber die Gartenkreuzspinnen. Ihren Namen verdanken sie hellen Punkten, die auf ihrem Rücken ein Kreuz bilden. Sie werden bis zu 2 cm gross und passen ihre Farbe der Umgebung an. Ihre Netze sind rund. Nicht einmal eine Stunde brauchen sie, um sie zu spinnen. Dabei fressen sie das alte auf und verwenden es gleich wieder, teilweise noch unverdaut. Bis zu sieben verschiedene Fadenarten kann das Weibchen spinnen, fixierende, stabilisierende, klebrige – für jeden Bedarf. Denn das Netz ist Wohnstube und Jagdgebiet zugleich, muss der Spinne Schutz bieten und Insekten festhalten. Und dabei nicht kaputt gehen.

Spinnen machen keinen Schritt ohne ihren Faden. Er ist ihre Lebensversicherung, wenn sie aus dem Netz fallen oder flüchten müssen. Der Faden ist aus Seide und viel stärker als alle menschgemachten Materialien. Diverse Firmen haben versucht, diese Seide nachzubauen. Sie sind alle kläglich gescheitert.

Im christlichen Glauben stehen Spinnen oft für den Teufel. In anderen Kulturen werden sie mit Weben in Verbindung gebracht. In der Mythologie war Arachne, altgriechisch für Spinne, eine hochbegabte und berühmte Weberin. Sie wurde von Athene zu einem Wettstreit herausgefordert. Und sie webte einen Wandteppich so perfekt, dass Athene ihre Niederlage eingestehen musste, das Werk zerstörte und vor Wut raste. Um dieser Wut zu entgehen, wollte sich Arachne erhängen. Doch Athene gönnte ihr nicht einmal den Tod. Sie verwandelte den Strick in ein Spinnennetz und Arachne in eine Spinne, die dazu verdammt war, bis in alle Ewigkeit zu spinnen. Bei Germanen und Alemannen standen Spinnen für Schicksalsweberinnen. Diese konnten nicht nur einzelne Schicksale verweben, sondern auch das Gestern mit Heute und Morgen.

Weit über 40‘000 Spinnenarten gibt es weltweit, und nur ganz wenige können dem Menschen gefährlich werden, in Europa keine einzige. Die Wahrscheinlichkeit, von einer Spinne gebissen zu werden, ist ausgesprochen klein, denn Spinnen sind Fluchttiere oder stellen sich bei Gefahr tot.

Für das Gleichgewicht der Natur sind Spinnen unabdingbar. Sie fressen Insekten und sind für Vögel eine begehrte Futterquelle. Mögen sie in den Augen des Menschen auch nicht die Schönsten sein, einen Platz in Haus und Garten haben sie dennoch verdient.

Mario Knecht Gartengestaltung Wespenspinne
Mario Knecht Gartengestaltung Kreuzspinne
2. Juli 2019

Wahrhaft majestätisch

Königskerzen


Der Spalt zwischen Teerbelag und Pflastersteinen ist von blossem Auge kaum zu sehen. Für die Königskerze ist er breit genug. Schon letztes Jahr zwängte sie sich durch und breitete ein paar Blätter über den Asphalt aus. Meine Wassergaben schienen umsonst, die Blätter verdorrten bald. Doch diesen Frühling meldete sich die Pflanze zurück. Zuerst kamen wieder ein paar Blätter, viel kräftiger als im Vorjahr. Und jetzt wiegen sich zwei Stängel mit den leuchtend gelben Blüten im Wind. Zur Freude der Anwohner und vieler Insekten.

Königskerzen gehören zur Familie der Braunwurzgewächse und sind in Eurasien, aber auch im Mittelmeerraum, zuhause. Etwa 300 Arten sind bekannt. Sie lieben sonnige, trockene Standorte. Ihre haarig-wolligen Blätter, deretwegen sie auch Wollblumen genannt werden, schützen sie vor dem Austrocknen. Die Blätter am Stängel werden nach oben hin kleiner und sind so angeordnet, dass sie Niederschlag in die Wurzel abfliessen lassen.

In der Regel blühen Königskerzen nur einmal, von Mai bis August. Mit der Samenreife sterben sie ab, säen sich aber selbst aus. Die Samen keimen schnell und bilden noch im selben Jahr eine Blattrosette. Im nächsten Jahr, manchmal auch erst im übernächsten, kommen sie zum Blühen. Verbascum, so der wissenschaftliche Name, macht es wie die Akelei. Sie sucht sich ihren Standort selber aus und kann dabei durch den ganzen Garten wandern. Stimmen die Standortbedingungen, kann sie aber auch sehr langlebig sein und mehrere Jahre hintereinander blühen.

Die Blüten der Königskerze sind ein bekanntes Heilmittel. Ihre Inhaltsstoffe wirken schleimlösend und auswurfsfördernd, sie helfen bei Husten, Bronchitis und Asthma. Sie unterstützen die Wundheilung und lindern Juckreiz.

Nicht jede Königskerze wird zwei oder gar drei Meter hoch. Eine majestätische Erscheinung ist aber jede, auch im Winter. Eine Hoheit, die ihr Reich mit anderen teilt. Sie gewährt Bienen und Schmetterlingen Besuchsrecht, Käfern, Ameisen und Spinnen auch Unterkunft.

Einst sollen Königskerzen als Wetterfee gedient haben. Es ist ganz einfach: Zeigen die Blütenspitzen nach Osten, wird es schön. Richten sie sich nach Westen, wird es schlecht. Viele Blüten an Maria Himmelfahrt, also am 15. August, künden von viel Schnee, wenig Blüten von wenig Schnee. Und auch der Zeitpunkt des Schneiens lässt sich ablesen. Sitzen die Blüten im unteren Teil des Stängels, kommt der Schnee im Spätherbst, der mittlere Teil markiert die Wintersonnenwende, ganz oben ist Ostern.

Wir werden sehen, was die Königskerze prophezeit. Und ob ihre Voraussagen stimmen. Wenn nicht, versuchen wir es nächstes Jahr nochmals. Denn auch eine Majestät kann sich mal irren.

Wildblumen Königskerze Mario Knecht Gartengestaltung