Naturnahe Gartengestaltung
Was heisst das eigentlich?
Wenn ich Menschen im Alltag von meinem Lehrbetrieb erzähle und erkläre, dass wir Wert auf naturnahen Gartenbau und Pflege legen, merke ich schnell: Viele haben eigentlich keine klare Vorstellung davon, was das genau bedeutet.
Entweder entsteht das Bild eines „Naturgartens“, in dem die Natur einfach machen darf, was sie will – ganz ohne Zutun des Menschen. So nach dem Motto: Alles wuchert wild durcheinander, niemand mäht, niemand schneidet, und am Ende ist das Haus überwachsen von Rosen wie das Schloss von Dornröschen. Nice!
Oder aber „naturnah“ wird in die Schublade der wohlklingenden, aber bedeutungslosen Trendwörter gesteckt – irgendwo zwischen „ökologisch“, „nachhaltig“ und „natürlich“. Manche denken dann: Klar, die sagen das, um mehr Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Nein, auch darum geht’s nicht!
Naturnah gärtnern ist eine Haltung. Sie erkennt, dass der Garten kein isolierter Ort ist, sondern Teil eines grösseren Ganzen – ein lebendiges Netzwerk aus Kreisläufen und Wechselwirkungen. Manche Pflanzen wachsen und vermehren sich rasch, andere gedeihen trotz Pflege nicht. Wir beobachten, lassen geschehen - und greifen nur dort ein, wo es wirklich nötig ist.
Gärten sind menschgemacht - und damit nie ungestörte Natur. Die Philosophie eines naturnahen Gartens besteht darin, die eigenen Gestaltungswünsche im Einklang mit der Natur umzusetzen. Das bedeutet vor allem: der Natur Raum und Zeit zu geben.
Ein Garten ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein Prozess. Die Balance zwischen «Zulassen» und «Eingreifen» steht dabei im Zentrum. Ein Garten kann uns lehren, auch mal Verantwortung abzugeben und neugierig zu beobachten, was sich ohne unser Zutun entwickelt.
Für unsere Arbeit bedeutet das zum Beispiel, dass wir uns freuen, wenn wir Gartenprojekte langfristig pflegen dürfen oder nach Jahren neue Gartenideen dazukommen. Denn oft ist unsere Arbeit dann getan, wenn die Natur erst beginnt, ihren Teil dazu beizutragen.
Im naturnahen Gartenbau ist es ein Ziel möglichst hohe Strukturvielfalt zu schaffen. Dafür eignen sich Elemente wie Trockensteinmauern, Wurzeln, Asthaufen, Sandarien oder hohle Pflanzenstängel, die über den Winter stehenbleiben. Viele Tiere nutzen solche Strukturen als Verstecke, Nistplätze oder zur Überwinterung.
Für die Bepflanzung werden überwiegend heimische Pflanzen verwendet. Sie sind ein wichtiger Baustein für stabile ökologische Kreisläufe. Heimische Arten bieten Nahrung und Lebensraum für viele Tiere - und sind meist robuster als fremdländische Gewächse. Dadurch kann weitgehend auf Dünger und Pestizide verzichtet werden. In der Natur sind alle Insekten auf ihre Weise nützlich. Wichtig ist vor allem, dass das ökologische Gleichgewicht stimmt. Grundsätzlich versuchen wir uns zurückzuhalten: Kein Umgraben im Frühling – um Bodenschichten und Mikroorganismen zu schonen. Mulchen statt Giessen – so bleibt die Feuchtigkeit im Boden erhalten und man muss weniger giessen. Blumenwiesen statt Rasen – bietet Insekten und Vögeln Nahrung und Lebensraum und ist pflegeleichter, da sie weniger gemäht werden müssen. Auch das Laub darf mal liegen bleiben, um den Boden vor Erosion und Austrocknung zu schützen.
Naturnahe Gärten werden mit der Zeit immer schöner – weil die Natur mitgestalten darf.
Beitrag von Kim Stüssi, Lehrtochter im 1. Lehrjahr, in Zweitausbildung zur Landschaftsgärtnerin EFZ